Gabor Steingart: „Weltkrieg III.“

In seinem heutigen „Morning Briefing überrascht Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart aus Anlass des Pariser Massakers mit einer bemerkenswerten, vom journalistischen Meinungs-Mainstream abweichenden Analyse der Hintergründe des islamistischen Dschihadismus und Terrorismus und der jetzt gebotenen Denkansätze und Maßnahmen. – (Hervorhebungen im Original.)

„In unseren Albträumen hatten wir uns den nächsten Weltkrieg als Atomkrieg vorgestellt, geführt mit Interkontinentalraketen. Doch die Wirklichkeit hält sich nicht an unsere Albträume.

Die neuen Weltkrieger tragen keine Uniform, sondern Jeans. Sie zünden keine Atomsprengköpfe, sondern die Bombengürtel an ihren Hosenbünden. Sie vernichten keine Landstriche, sondern vor allem unser Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit.

Es geht nach dem Massaker von Paris nicht mehr um Einzeltäter. Wer „Terroranschlag“ sagt, will verharmlosen. Die Situation ist fataler und größer, als es die Betroffenheitsadressen der Regierungschefs vermuten lassen. Wir sind nicht nur Opfer eines Terroranschlags, wir sind auch Kriegspartei.

Die Attentäter vom vergangenen Freitag sind für ihre menschenverachtenden Taten allein verantwortlich und müssen mit der Härte des Rechtsstaats zur Rechenschaft gezogen werden. Aber für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trägt der Westen eine Mitschuld.

Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet hat, bringt es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800.000 Tote. Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen. Saddam Hussein war ein Diktator, aber am Anschlag auf das World Trade Center war er nachweislich nicht beteiligt. „Diejenigen, die Saddam 2003 beseitigt haben, tragen auch Verantwortung für die Situation im Jahr 2015“, sagt mittlerweile selbst Tony Blair, einst der willige Krieger an der Seite der USA.

Der Wissenschaftler Samuel Huntington hatte ihm und den anderen westlichen Führern schon vor 9/11 gesagt, dass es niemals gelingen werde, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben. Amerikaner und Briten versuchten genau das, als sie mit dem Schlachtruf vom „Regime-Change“ in Bagdad einfielen. Sie kämpften für westliche Werte, indem sie diese diskreditierten. Sie riefen „Freiheit“ und schufen eine Welt in Unordnung.

„Wir werden schonungslos sein“, versicherte auch jetzt wieder ein versteinerter französischer Präsident und schickte in der Nacht von Sonntag auf Montag seine Luftwaffe nach Syrien, um Stellungen des Islamischen Staates zu bombardieren. Ein Herausgeber der „FAZ“ wünscht sich auch an der Spitze der deutschen Regierung „ein hartes Gesicht“. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner fordert eine „Radikalisierung der bürgerlichen Mitte“.

Doch der Automatismus von Härte und Gnadenlosigkeit, das vorsätzliche Nicht-Verstehen des anderen, die feurigen Reden an das jeweils heimische Publikum, die schnell in Marsch gesetzten Bombergeschwader haben uns in diesem Kampf der Kulturen dahin gebracht, wo wir heute stehen. So beendet man den Terror nicht, sondern facht ihn weiter an. So schafft man keinen Frieden, so züchtet man Selbstmordattentäter. Die bürgerliche Mitte unseres Landes sollte sich nicht radikalisieren, sondern sich ihrer vornehmsten Tugenden erinnern: Besonnenheit und Friedfertigkeit. Mehr Verantwortung übernehmen, das kann nach den Anschlägen von Paris nur mehr Nachdenklichkeit bedeuten. Militärs und Geheimdienste müssen ihre Arbeit tun, aber die Politik und die Gesellschaft ihre auch.

Die einzelnen Terroristen sind in ihrer Verblendung für Obama, Merkel und Hollande nicht erreichbar, doch ihre Hintermänner, Financiers und Verbündeten sind es sehr wohl. Die Schlüsselwörter der kommenden Monate dürfen dann aber nicht Kampf oder Kapitulation lauten, sondern Ordnung, Respekt und Moderation. Nicht aus Liebe zum Islam, sondern aus Liebe zu uns und unseren Familien. Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation, die unserem Land bekömmlicher sind. Deutschland braucht jetzt kein hartes Gesicht an der Spitze, sondern einen kühlen Kopf.“

Außerdem:
  • Dritter Weltkrieg? Geht’s noch? – Kommentar von Matthias Nass – Zeit Online, 24.02.2016
    • „Als wäre der Krieg in Syrien nicht schlimm genug, fantasieren manche Blätter bereits eine weltweite Katastrophe herbei. Mit einem Weltkrieg spielt man doch nicht.“
  • Stell dir vor, es gibt Krieg… – Clemens Wergin – Welt am Sonntag, 21.02.2016
    • „Ein militärischer Konflikt zwischen Russland und Amerika? Er schien lange undenkbar. Doch das syrische Pulverfass enthält alle Zutaten für ein Katastrophen-Szenario. Strategen spielen mittlerweile schlimmstmögliche Wendungen durch.“
  • Im Weltkrieg – Kommentar von FAZ-Mitherausgeber Berthold Kohler zu den Pariser Anschlägen – FAZ, 16.11.2015
  • Die Botschaft von Paris: Nicht unterwerfen, sondern kämpfen – Kommentar von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner – Welt, 15.11.2015
  • Die Logik des Terrors: Ausweitung der Kriegszone – Kommentar von Wolfgang Sofsky – Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2015
    • „Mit geringstem Aufwand an Waffen und Personal die maximale Zerstörung erzielen – das ist die ebenso grausame wie banale Rationalität der Kriegstaktik, die sich in den Pariser Terroranschlägen zeigt.“
  • Samuel P. Huntington (Wikipedia)
  • Islamischer Think Tank gegen den Islamismus: die Quilliam Foundation – Denkraum, 20.03.2011
  • Was verboten, gestattet oder Pflicht ist: Islamgelehrte widerlegen ISIS-Doktrin – Denkraum, 07.10.2014
    • Ausgehend von der Kritik sunnitischer Gelehrter an der ISIS-Version des Islam habe ich in diesem Beitrag die psychischen Motive beschrieben, die junge Männer für die Propaganda der radikalen Islamisten so anfällig machen:
    • “[…] der Wunsch nach klaren, eindeutigen Regeln, an denen man sich ambivalenzfrei orientieren kann; nach religiösen Vorschriften, die fortwährende individuelle Entscheidungen ersetzen, wie sie beim mühsamen, selbstverantwortlichen Aufbau eines erfolgreichen Lebenswegs in der komplexen Wirklichkeit kapitalistischer Leistungsgesellschaften erforderlich sind; statt Konkurrenz und Wettbewerb klare Freund-Feind-Verhältnisse und ein brüderlich-kameradschaftliches Wir-Gefühl im Kreise Gleichgesinnter; vor allem aber das Versprechen, das bisherige Ohnmachtserleben hinter sich zu lassen und stattdessen an kollektiver Machtausübung teilzuhaben, ja im Kampf gegen (angebliche) Feinde zum Helden werden zu können. All dies abgesegnet von einer Illusion – der Phantasie eines allmächtigen, väterlichen Gottes als höchster Autorität: auch die brutalsten Grausamkeiten werden im Namen Allahs begangen, der diesen Weg belohnen wird, so glaubt man, und sei es im paradiesischen Jenseits nach dem Märtyrertod.”
  • Warum schweigen die Lämmer? Demokratie, Psychologie und Empörungsmanagement – Vortrag am 22.06.2015 von Prof. Rainer Mausfeld (Uni Kiel)
    • In diesem hochinteressanten Vortrag rechnet Prof. Mausfeld u.a. vor, wie viele zivile Opfer die Vereinigten Staaten in den seit dem II. Weltkrieg von den USA geführten Kriegen und Militäreinsätzen zu verantworten haben: 20 – 30 Millionen.

„Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus“ – Anti-Islamistisches Manifest von Salman Rushdie u.a.

Der indo-britische Schriftsteller Salman Rushdie, die aus Somalia stammende Politikerin und Autorin Ayaan Hirsi Ali, die im französischen Exil lebende iranische Schriftstellerin Chahla Chafiq, der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy und weitere Intellektuelle unterzeichneten im Jahr 2006 ein Manifest “gegen den neuen Totalitarismus: den Islamismus”, das seinerzeit in dem französischen satirischen Wochenmagazin “Charlie Hebdo” veröffentlicht wurde. “Charlie Hebdo” hatte nach den weltweiten Protesten gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen schon damals mit dem Abdruck eigener Karikaturen gegen den Islamismus Front gemacht.

Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus

Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung gegenüber: dem Islamismus.

Wir Schriftsteller, Journalisten, Intellektuellen rufen zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus und zur Förderung der Freiheit, Chancengleichheit und des Laizismus für alle auf.

Die jüngsten Ereignisse nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen zeigt die Notwendigkeit des Kampfes für diese universellen Werte. Dieser Kampf kann nicht mit Waffen, sondern muß auf dem Feld der Ideen gewonnen werden. Es handelt sich nicht um ein Aufeinanderprallen der Kulturen oder einen Gegensatz von Okzident und Orient, sondern um einen weltweiten Kampf der Demokraten gegen die Theokraten.

Wie alle Totalitarismen nährt sich der Islamismus aus der Angst und der Frustration. Auf diese Gefühle setzen die Haßprediger, um mit ihren Bataillonen eine Welt der Unfreiheit und Ungleichheit zu erzwingen. Wir aber sagen laut und deutlich: Nichts, nicht einmal Verzweiflung, rechtfertigt Massenverdummung, Totalitarismus und Haß. Der Islamismus ist eine reaktionäre Ideologie. Überall, wo er sich breit macht, zerstört er Gleichheit, Freiheit und Laizismus. Wo er erfolgreich ist, führt er nur zu einer Welt des Unrechts und der Unterdrückung: Der Frauen durch die Männer und aller anderen durch die Integristen.

Wir lehnen den “kulturellen Relativismus” ab, der im Namen der Achtung der Kulturen und der Traditionen hinnimmt, daß den Frauen und Männern der muslimischen Kultur das Recht auf Gleichheit, Freiheit und Laizität vorenthalten wird.

Wir weigern uns, wegen der Befürchtung, die “Islamophobie” zu fördern, auf den kritischen Geist zu verzichten. Dies ist ein verhängnisvolles Konzept, das die Kritik am Islam als Religion und die Stigmatisierung der Gläubigen durcheinanderbringt.

Wir plädieren für allgemeine Meinungsfreiheit, damit sich der kritische Geist auf allen Kontinenten gegen jeden Mißbrauch und gegen alle Dogmen entfalten kann.

Wir richten unseren Appell an die Demokraten und freien Geister aller Länder, damit unser Jahrhundert eines der Aufklärung und nicht eines der Verdummung wird.

Ayaan Hirsi Ali, Chahla Chafiq, Caroline Fourest, Bernard-Henri Lévy; Irshad Manji, Mehdi Mozaffari, Maryam Namazie, Taslima Nasreen; Salman Rushdie, Antoine Sfeir, Philippe Val, Ibn Warraq

Aus dem Französischen von Jochen Hehn.

Die zwölf Unterzeichner des Manifestes sind:

  • Ayaan Hirsi Ali, niederländische Schriftstellerin, Politikerin und Frauenrechtlerin somalischer Herkunft
  • Chahla Chafiq, iranische Schriftstellerin im französischen Exil
  • Caroline Fourest, französische Schriftstellerin, Journalistin und Feministin
  • Bernard-Henri Lévy, französischer Philosoph und Publizist
  • Irshad Manji, Schriftstellerin, Journalistin und Feministin ugandischer Herkunft
  • Mehdi Mozaffari, Professor der Politikwissenschaft in Dänemark
  • Maryam Namazie, iranische Kommunistin im britischen Exil
  • Taslima Nasreen, Schriftstellerin und Ärztin aus Bangladesh
  • Salman Rushdie, indisch-britischer Schriftsteller
  • Antoine Sfeir, in Frankreich lebender libanesischer Schriftsteller, Politologe und Journalist
  • Philippe Val, Chefredakteur des Magazins Charlie Hebdo, das das Manifest veröffentlicht hat
  • Ibn Warraq (Pseudonym), indischer Schriftsteller und Islamkritiker

Was verboten, gestattet oder Pflicht ist: Islamgelehrte widerlegen ISIS-Doktrin

In einem Offenen Brief „an Dr. Ibrāhīm ʿAwwād al-Badrī alias ‚Abū Bakr al-Baġdādī‘ und die Kämpfer und Anhänger des selbsternannten ‚Islamischen Staates'“, in deutscher Übersetzung 51 Seiten umfassend, begründen 126 hochrangige sunnitische Islamgelehrte detailliert, warum die Doktrin und das Vorgehen von ISIS in eklatantem Gegensatz zur Religion Mohammeds stehen. In theologischer Auseinandersetzung mit 24 zentralen Aspekten des Islam widerlegen die Geistlichen die radikal-fundamentalistische ISIS-Auffassung Punkt für Punkt.

Wie alle Distanzierungen moderater Muslime von Djihadisten und Salafisten ist auch diese Initiative zu begrüßen – allein, sie wird bei den Adressaten wenig bewirken.

Denn es sind keine theologischen Überlegungen, die junge Männer für die Propaganda der Brutalo-Islamisten anfällig machen, sondern machtvolle psychische Motive: der Wunsch nach klaren, eindeutigen Regeln, an denen man sich ambivalenzfrei orientieren kann; nach religiösen Vorschriften, die fortwährende individuelle Entscheidungen ersetzen, wie sie beim mühsamen, selbstverantwortlichen Aufbau eines erfolgreichen Lebenswegs in der komplexen Wirklichkeit kapitalistischer Leistungsgesellschaften erforderlich sind; statt Konkurrenz und Wettbewerb klare Freund-Feind-Verhältnisse und ein brüderlich-kameradschaftliches Wir-Gefühl im Kreise Gleichgesinnter; vor allem aber das Versprechen, das bisherige Ohnmachtserleben hinter sich zu lassen und stattdessen an kollektiver Machtausübung teilzuhaben, ja im Kampf gegen (angebliche) Feinde zum Helden werden zu können. All dies abgesegnet von einer Illusion – der Phantasie eines allmächtigen, väterlichen Gottes als höchster Autorität: auch die brutalsten Grausamkeiten werden im Namen Allahs begangen, der diesen Weg belohnen wird, so glaubt man, und sei es im paradiesischen Jenseits nach dem Märtyrertod.

Die Verfasser des Offenen Briefs haben ihm ein „Executive Summary“ (sic!) vorangestellt, eine Zusammenfassung, in der sie die 24 Punkte benennen, die den wahren Islam von der ISIS-Irrlehre unterscheiden. Dem koranunkundigen Nicht-Muslim ermöglicht diese Kurzfassung einen ersten Eindruck, worum es dabei geht.

1. Es ist im Islam verboten, ohne die dafür jeweils notwendige Bildung und Kenntnis zu haben, fatwā (Rechtsurteile) zu sprechen. Sogar diese Fatwās müssen der islamischen Rechtstheorie, wie sie in den klassischen Texten dargelegt wurde, folgen. Es ist ebenfalls verboten, einen Teil aus dem Koran oder eines Verses zu zitieren, ohne auf den gesamten Rest zu achten, was der Koran und die Hadithe über diese Angelegenheit lehren. Mit anderen Worten gibt es strikt subjektive und objektive Vorbedingungen für Fatwās. Bei der Sprechung einer Fatwā, unter Verwendung des Korans, können nicht „die Rosinen unter den Versen herausgepickt“ werden, ohne Berücksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.

2. Es ist im Islam vollkommen verboten, Recht zu sprechen, wenn die Arabische Sprache nicht gemeistert wurde.

3. Es ist im Islam verboten, Scharia Angelegenheiten zu stark zu vereinfachen und festgelegte islamische Wissenschaften zu missachten.

4. Es ist im Islam [den Gelehrten] gestattet, Meinungsverschiedenheiten über bestimmte Angelegenheiten zu haben, außer in all jenen, welche als die Fundamente der Religion gelten, die allen Muslimen bekannt sein müssen.

5. Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten.

6. Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten.

7. Es ist im Islam verboten, Sendboten, Botschafter und Diplomaten zu töten; somit ist es auch verboten, alle Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.

8. Jihad ist im Islam ein Verteidigungskrieg. Er ist ohne die rechten Gründe, die rechten Ziele und ohne das rechte Benehmen verboten.

9. Es ist im Islam verboten, die Menschen als Nichtmuslime zu bezeichnen, außer sie haben offenkundig den Unglauben kundgetan.

10. Es ist im Islam verboten, Christen und allen „Schriftbesitzern“ – in jeder erdenklichen Art – zu schaden oder zu missbrauchen.

11. Es ist eine Pflicht, die Jesiden als Schriftbesitzer zu erachten.

12. Die Wiedereinführung der Sklaverei ist im Islam verboten. Sie wurde durch universellen Konsens aufgehoben.

13. Es ist im Islam verboten, die Menschen zur Konvertierung zu zwingen.

14. Es ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren.

15. Es ist im Islam verboten, Kindern ihre Rechte zu verwehren.

16. Es ist im Islam verboten, rechtliche Bestrafungen sowie Körperstrafen (ḥudūd) ohne dem Folgen des korrekten Prozedere, welches Gerechtigkeit und Barmherzigkeit versichert, auszuführen.

17. Es ist im Islam verboten, Menschen zu foltern.

18. Es ist im Islam verboten, Tote zu entstellen.

19. Es ist im Islam verboten, Gott – erhaben und makellos ist Er – böse Taten zuzuschreiben.

20. Es ist im Islam verboten, die Gräber und Gedenkstätten der Propheten und Gefährten zu zerstören.

21. Bewaffneter Aufstand ist im Islam in jeglicher Hinsicht verboten, außer bei offenkundigem Unglauben des Herrschers und bei Verbot des Gebets.

22. Es ist im Islam verboten, ohne den Konsens aller Muslime ein Kalifat zu behaupten.

23. Loyalität zur eigenen Nation ist im Islam gestattet.

24. Nach dem Tod des Propheten – Frieden und Segen seien auf ihm – verpflichtet der Islam niemanden irgendwohin auszuwandern.

Djihad-Propaganda in Deutschland – was tun?

Der Jauch-Talk am vergangenen Sonntag abend schlug auch im Nachhinein noch hohe Wellen. Der Imam Abdul Adhim Kamouss, der vorwiegend an der berüchtigten Berliner Al-Nur-Moschee predigt, dominierte die Diskussion mit einem nicht enden wollenden Redefluss. In die falsche Ecke eines Radikalisierers fühlte er sich gestellt und versuchte nun leidenschaftlich („wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“), die Anwesenden und das Fernsehpublikum vom Gegenteil zu überzeugen. In Wahrheit sei er ein absoluter Gegner des radikalen Islam und sehe die Probleme im Prinzip ähnlich wie zwei andere Jauch-Gäste: der Neuköllner Bezirksbügermeister Heinz Buschkowsky und der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), die ihm „tapfer zuhörten“ (Bosbach), wenngleich Buschkowsky dabei Probleme bekam, „meinen Blutdruck in den Griff zu kriegen“. Dass es dem Moderator partout nicht gelingen wollte, den ausufernden Imam in den Griff zu bekommen, brachte ihm in den folgenden Tagen reichlich Häme an deutschen Stammtischen und von Seiten der Fernsehkritik ein.

Bei all dem droht aus dem Blick zu geraten, dass es dem wie immer klare Kante zeigenden Bosbach durchaus gelang, in wenigen Sätzen zu skizzieren, wie der Staat auf die Propagandisten der „Gewalt im Namen Allahs“ reagieren könnte, wenn sie in Deutschland junge, Orientierung suchende Männer und Frauen zu radikalisieren und für den „heiligen Krieg“ zu gewinnen versuchen. 

Jauch: Herr Bosbach, es gibt ja viele Vorschläge: denen soll man den Pass abnehmen oder ihnen die Staatsbürgerschaft entziehen, denen soll man wahlweise die Ausreise verbieten oder die Einreise, oder den Personalausweis markieren – was ist aus Ihrer Sicht tatsächlich wirksam, und was ist überhaupt noch rechtsstaatlich?

Bosbach: Wirksam wäre es, wenn wir uns in einem Punkt einig wären, in dem wir uns leider nicht einig sind – und wir sollten auch nicht so tun, als wenn wir uns in diesem Punkt einig wären:

Der eine geht in die Kirche, der zweite geht in die Moschee, der Dritte geht in eine Synagoge, der Vierte läuft stramm an jedem Gotteshaus vorbei. Das kommentieren wir nicht, das kritisieren wir nicht, das ist die private Entscheidung eines jeden einzelnen. Aber wenn Menschen bei uns in Deutschland, mit ganz unterschiedlicher Hautfarbe, ganz unterschiedlicher religiöser Prägung, mit ganz unterschiedlicher Staatsangehörigkeit, in einem Land friedlich zusammenleben wollen, dann müssen alle die gleiche Rechts- und Werteordnung einhalten, und das kann nur die Rechts- und Werteordnung der Bundesrepublik Deutschland sein. Da kann für die Scharia kein Platz sein. Ende. Da müssen wir uns mal alle einig sein. (…)

Wir sind ein religiös in jeder Hinsicht tolerantes Land. In Deutschland kann jeder nach seiner Facon selig werden – während wir in Saudi-Arabien noch nicht einmal das religiöse Existenzminimum für Christen garantiert bekommen. (An den Imam gewandt:) Sie sind nicht in einer Opferrolle. Die größte religiös verfolgte Gruppe in der Welt sind die Christen.

Wir sind in einem Maße tolerant – da kann ich nur ein begrenztes Verständnis aufbringen. Wenn in Deutschland gepredigt wird, Tod allen zionistischen Juden, dann ist das in keiner Hinsicht akzeptabel und hat auch mit religiöser Toleranz und Vielfalt überhaupt nichts zu tun. (…)

Aber ich will mal sagen, was hilft. Ihre Frage war, was uns wirklich helfen würde. Und ich glaube, da wächst etwas: der geschlossene Widerstand der überwältigenden Mehrzahl der moderaten Muslime gegen jede Form von Extremismus und Gewalt.

Sie haben ja auch gesetzgeberische Maßnahmen angesprochen – ich will nur ein zweites Beispiel nennen: In Deutschland können Personen ausgewiesen und abgeschoben werden, die aus politischen Gründen Gewalt anwenden oder zur Gewaltanwendung aufrufen. Was spricht eigentlich dagegen, die gleiche Vorschrift anzuwenden für diejenigen, die aus religiöser Motivation heraus Gewalt anwenden oder zur Gewaltanwendung aufrufen? (…)

Jauch: Ich möchte jetzt nochmal auf den Punkt kommen, dass es Menschen gibt, die bei uns leben, die sagen, das Gesetz des Propheten, und damit auch die Scharia, das ist für mich bindend und steht in jedem Fall über dem Grundgesetz. Sollen, dürfen, können Menschen, die so etwas vertreten, bei uns weiter im Land leben?

Bosbach: Sie können bei uns weiter im Land leben, solange sie keine Straftaten begehen – aber das ist nicht vereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Wir haben bei uns die Volkssouveränität, unabhängig von der religösen Überzeugung. Und das ist ja gerade der fundamentale Unterschied, ich hab’s vorhin mal angedeutet, wir sollten gar nicht so tun, als wenn es diesen Unterschied nicht gäbe:

Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ich sage, das ist meine religiöse Überzeugung, gespeist aus der Bibel, dem Neuen und dem Alten Testament, dem Leben und Wirken Jesu, aber im Leben gelten nur die Gesetze, die vom parlamentarischen Gesetzgeber erlassen worden sind – und diese Gesetze können sich übrigens auch ändern: auch gesellschaftliche Anschauungen ändern sich, und der Gesetzgeber zieht nach.

Oder ob ich sage, für mich gilt nur Koran und Hadith und die Worte und Taten des Propheten; ich lebe in einer Welt, im 7. oder 8. Jahrhundert, und verlange auch vom Staat, dass er nach diesen Regeln urteilt. Das können wir in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht dulden.

Wissen Sie, Herr Jauch, wir sollten doch nicht so tun, als sei es eine Auseinandersetzung zwischen dem Islam, den Muslimen und dem Westen. Es ist vor allen Dingen eine zutiefst innerislamische Auseinandersetzung, die im 7. und 8. Jahrhundert gründet. Der Prophet hat mal gesagt, es wird 72 Sekten geben und 71 sind für die Hölle bestimmt. (Es gibt) nur eine wahre Strömung.

Und ich möchte nicht, dass die Konflikte, die uns seit Jahrhunderten weltweit in Atem halten, ich könnte jedes historische und geographische Detail nennen, dass diese Konflikte nach Deutschland überschwappen und hier auf unseren Straßen ausgetragen werden. Und ich möchte nicht, dass unsere jungen Menschen, egal, ob sie Geburtsdeutsche sind oder nicht, verheizt werden, dass sie andere Menschen jagen und töten und brutalisiert wieder nach Deutschland zurückkommen.

Siehe auch:
  • Der Islamismus gehört längst zu Deutschland – Die Welt, 14.09.2014
    • „Die ‚Scharia-Polizei‘ in Wuppertal ist kein Einzelfall. Auch in anderen Städten testen Islamisten die Toleranz unserer Gesellschaft. Dieses Milieu bietet den Nährboden für Dschihadisten.“
  • Schulen wollen sich gegen Salafisten wappnen – Susanne Vieth-Entus – Tagesspiegel, 27.09.2014
    • „Insbesondere unter jungen Leuten versuchen die Salafisten ihre Anhängerschaft zu stärken. Deswegen sollen Schulen jetzt Hilfe bekommen, um sich gegen die Einflüsse wehren zu können.“
  • Rollbergviertel in Berlin: Muslime aus Neukölln im Visier von Salafisten – Claudia Keller – Tagesspiegel, 29.09.2014
    • „Der IS-Terror hat Auswirkungen bis nach Neukölln: Junge Muslime werden zum Ziel von Propaganda, es wird versucht, sie für den „Heiligen Krieg“ zu begeistern. Und zwischen Sunniten und Schiiten wird aus Freundschaft Hass.“
  • Was verboten, gestattet oder Pflicht ist: Islamgelehrte widerlegen ISIS-Doktrin – Denkraum, 07.10.2014
    • „Eine theologische Auseinandersetzung mit der ISIS-Version des Islam wird potenzielle Djihadisten kaum beeindrucken. Denn es sind machtvolle psychische Motive, die junge Männer für die Propaganda der radikalen Islamisten so anfällig machen.“

„Gerät die Welt aus den Fugen?“ – Sehenswerte Beckmann-Sendung

Wer sich dafür interessiert, wie führende deutsche Intellektuelle die gegenwärtige politische Weltlage einschätzen, dem empfehle ich wärmstens die Diskussion bei Beckmann vom 28.08.2014: Krisen, Krieg und hilflose Mächte – gerät die Welt aus den Fugen?

Die Teilnehmer:

Wolf von Lojewski (ehem. ARD-Korrespondent in Washington)

Gabriele Krone-Schmalz (frühere ARD-Korrespondentin in Moskau)

Stefan Kornelius (Ressortleiter Auslandspolitik der „Süddeutschen Zeitung“) 

Prof. Harald Welzer (Soziologe) 

Prof. Herfried Münkler (Prof. für Politikwissenschaften an der HU zu Berlin)

Vor allem den beiden Professoren und der wie immer streitbaren Frau Krone-Schmalz gelang es, eine Diskussion mit erheblichem Erkenntniswert und  Tiefgang zu führen und einen profunden Einblick in die verschiedenen Denk- und Bewertungsansätze zu geben, die zur gegenwärtigen weltpolitischen Lage in intellektuellen Kreisen derzeit im Umlauf sind.

Ergänzung am 31.08.2014:

Fast tagesgenau vor drei Jahren schrieb ich einen Beitrag für den Denkraum mit dem Titel „‚Die Welt ist aus den Fugen‘: von der Macht der Finanzwirtschaft und der Ohnmacht der Politik“, in dem ich einen politischen Essay der Journalistin Tissy Bruns vorstellte, die leider im Februar 2013 61jährig einer Krebserkrankung erlag. In ihrem im Berliner Tagesspiegel erschienenen brillanten Essay ging es um das damalige politische Großthema, die Finanzsystemkrise.

Aus zwei Gründen weise ich an dieser Stelle noch einmal auf diesen Beitrag hin: Zum einen, um an eine ausgezeichnete, viel zu früh verstorbene Journalistin zu erinnern, zum anderen, um zu unterstreichen, dass die Krise unseres Finanzsystems, die Tissy Bruns so treffend analysiert hatte, keineswegs bewältigt ist, sondern von den Konfliktschauplätzen Naher Osten und Ukraine derzeit lediglich medial übertönt wird.

Treffender gesagt befindet sich das Weltfinanzsystem nicht in einer Krise, sondern hat sich in den letzten 20 – 30 Jahren zu einer völligen Fehlkonstruktion entwickelt (s. auch Rethinking Economics und meine Beiträge über die Forschungen von Thomas Piketty; s. auch hier).

Wie halten Sie’s mit der Religion?

Gewiss macht es für christlich erzogene Menschen einen wesentlichen Unterschied, ob sie auch als Erwachsene noch gläubig sind, sich also mit den christlichen Glaubensinhalten identifizieren, oder nicht. Wer in der einen oder der anderen Richtung eine klare, eindeutige Position gefunden hat, sei es als gläubiger Christ oder als ungläubiger Atheist, hat diese Haltung vermutlich in sein geistiges und seelisches Leben integriert und ist in diesem Punkt mit sich im Reinen.

Wie steht es aber mit der großen Gruppe derjenigen, die nicht so recht wissen, was Sie von Gott und der Religion halten sollen? Die zahlreichen Zeitgenossen, die am christlichen Glauben zwar elementare Zweifel hegen, ihm aber niemals wirklich Lebewohl gesagt haben und die Frage nach ihrem Verhältnis zur Religion am liebsten unbeantwortet in der Schwebe belassen würden? Die vielen Schwankenden, die in ihrer Kindheit und Jugend ganz selbstverständlich in eine christliche Glaubenswelt hineingewachsen sind, sich im Laufe ihrer späteren Entwicklung aber ein rational geprägtes Weltbild angeeignet haben, in dem Jesus Christus und der liebe Gott nur noch schwer einen Platz finden.

Für viele Menschen ist es eine selbstverständliche, vertraute Gewohnheit, sich auch dann noch als Christen zu verstehen, wenn ihr Glaube mit ihrer erwachsenen, rational denkenden Persönlichkeit nicht mehr übereinstimmt. Im Alltag wird dies Spannungsverhältnis vermutlich zumeist kaum wahrgenommen; oft bedarf es existenzieller Grenzsituationen, um den schlummernden geistig-seelischen Konflikt bewusst werden zu lassen.

Falls auch Sie zu denjenigen gehören, die sich aus alter Gewohnheit als Christ betrachten, die Glaubensinhalte der christlichen Religion jedoch genau genommen nicht mehr für wahr halten, weil ihr Verstand ihnen recht eindeutig sagt, „ein Schmarren, das Ganze“: Würden Sie offen und ehrlich dazu stehen, sich selbst und anderen gegenüber?

Stellen Sie sich vor, Sie geraten in einen Gottesdienst und die Gemeinde betet das Vaterunser oder spricht das Apostolische Glaubensbekenntnis  – wie verhalten Sie sich dann? Beten Sie mit, oder bleiben Sie stumm?

Gehen wir einmal spielerisch davon aus, es sticht Sie der Hafer und Sie sprechen das Glaubensbekenntnis laut mit, bringen Ihren rational vorhandenen Unglauben dabei aber deutlich vernehmbar zum Ausdruck:

Ich glaube nicht an Gott, den Vater,
einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und nicht an Jesus Christus,
seinen angeblichen Sohn, mitnichten unser Herr,
nie und nimmer empfangen durch den Heiligen Geist, sondern auf die bekannte, ganz natürliche Weise,
geboren von Maria, der Frau Josephs,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
allenfalls im metaphorischen Sinn hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage jedoch keinesfalls auferstanden von den Toten
geschweige denn aufgefahren in den Himmel;
wo nichts und niemand sitzt,
außer ein paar Raumfahrer in ihrer Kapsel,
weshalb er weder von dort noch von sonstwo kommen wird,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube weder an den Heiligen Geist,
noch an die heilige christliche Kirche,
oder die Gemeinschaft der Heiligen,
auch nicht an die Vergebung der Sünden,
schon gar nicht an die Auferstehung der Toten
oder gar das ewige Leben.

Amen

Die erstaunte Aufmerksamkeit der Umstehenden wäre Ihnen gewiss, und die Reaktionen würden sich vermutlich im Bereich von amüsiert über indigniert bis entrüstet bewegen. Sie selbst würden eine derart offene Bekundung Ihres Unglaubens in einem Gottesdienst indes vermutlich für allzu groben Schabernack halten und die Verneinungsvarianten allenfalls im Stillen einfügen.

Was aber, wenn Sie überzeugter Christ sind?

Nehmen wir aber einmal an, Sie halten sich auch heute noch durch und durch für einen waschechten, gläubigen Christen. Dann ist Ihnen ja bekannt, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis – das in sämtlichen katholischen Gottesdiensten zur üblichen Liturgie gehört, auf evangelischer Seite jedoch nur in Taufgottesdiensten gesprochen wird – die Kernaussagen des christlichen Glaubens in Kurzform enthält.

Welche der Aussagen dieses Glaubensbekenntnisses können Sie aber wirklich ernsthaft und guten Gewissens unterschreiben? Dass Jesus Christus der „eingeborene Sohn“ Gottes ist – geboren von der Jungfrau Maria, nachdem sie ihn durch den Heiligen Geist empfangen hatte? Ganz ohne Mitwirkung von Joseph oder eines anderen männlichen Samenspenders? Dass er am dritten Tag nach seinem Tod von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist (was uns immerhin die Osterfeiertage beschert hat)? Dass er dort jetzt zur Rechten Gottes sitzt, „des allmächtigen Vaters“, und eines Tages von dort kommen wird, um „die Lebenden und die Toten (…) zu richten“?

Hand auf’s Herz: Könnten Sie auf Ihren Eid nehmen, dass Sie diese Aussagen tatsächlich vollen Ernstes glauben, also für wahr halten?

Falls Sie jetzt einwenden, ich würde das zu eng sehen, darum gehe es doch gar nicht beim christlichen Glauben, sondern mehr um Ihre ganz persönliche Entscheidung, sich auf Gott und Jesus Christus einzulassen, ihnen zu vertrauen (also um das, was die Philosophen einen fiduziellen Glauben nennen und die Engländer „faith“ im Gegensatz zu „belief“), so würde ich meinerseits zu bedenken geben, dass Ihr emotional geprägter Glaube an Gott die Variante des Für-Wahr-Haltens, den sogenannten doxastischen Glauben, jedoch voraussetzt: Gottvertrauen können Sie nur haben, wenn Sie erst einmal davon überzeugt sind, dass es einen Gott gibt, dem Sie vertrauen können; dass er – wo und wie auch immer, aber jedenfalls außerhalb Ihres Kopfes – tatsächlich existiert und nicht nur ein Produkt der Phantasie ist wie Frau Holle oder die „Herrn der Ringe“. (Ob man ihn indessen „der“ oder lieber geschlechtsneutral „das Gott“ nennt, wie unsere Familienministerin Schröder vorziehen würde, ist vergleichsweise unwichtig.)

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Benedikt und die Teufelsaustreiber

Joseph Ratzinger, derzeit noch Papst Benedikt XVI., ist wahrlich eine widersprüchliche Figur. Einerseits hat er durchaus kluge Reden gehalten, wie die vor dem Deutschen Bundestag über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats. Auch sein Vortrag an der Universität Regensburg zum Verhältnis von Glauben und Vernunft, der in der islamischen Welt für so viel Wirbel gesorgt hat, enthielt interessante Gedanken: Die „Pathologien der Religion und der Vernunft“, die uns bedrohen, prangerte Benedikt damals an und sprach in einer Messe vor 300.000 Gläubigen von „lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion“.

Heute, wo wir die Pathologien, die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Haß und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen.

Über manch abstrusen religiösen Schwachsinn, den der scheidende Papst aus Deutschland in seinem Amt betreibt, kann man allerdings nur fassungslos den Kopf schütteln, wozu eine Pressemeldung von heute wieder einmal Anlass gibt:

Der oberste römische Teufelsaustreiber Gabriel Amorth hat Benedikt XVI. seinen Dank ausgesprochen: Des Papstes „wirkungsvolle Gebete zur Teufelsaustreibung“ waren eine „große Ermutigung“ für „Exorzisten aus aller Welt“.

Der römische Chef-Exorzist Gabriel Amorth hat den Einsatz des scheidenden Papsts Benedikt XVI. für Anliegen der Teufelsaustreiber gewürdigt. Bei einer Audienz habe das Oberhaupt der katholischen Kirche „Exorzisten aus aller Welt“ empfangen und ihnen „große Ermutigung“ gegeben. Das sagte Amorth am späten Freitag im religiösen italienischen Fernsehsender TV2000. So habe Benedikt „wirkungsvolle Gebete zur Teufelsaustreibung geschenkt“.

Bereits vor seiner Wahl zum Papst habe Kardinal Joseph Ratzinger die katholische Kirche so reformiert, dass „die Front im Kampf gegen Satan“ gestärkt worden sei, sagte der oberste Exorzist der Diözese Rom, deren Bischof der Papst ist. Dies gelte „nicht nur mit Blick auf Teufelsbesessenheit von Menschen, sondern auf alle Fälle von durch den Teufel verursachten Störungen“.

Fälle vollständiger Besessenheit seien zwar selten, er habe aber Opfer des Teufels „auf Mauern laufen und wie Schlangen über den Boden gleiten“ sehen, sagte Amorth. Durch den Teufel verursachte Störungen seien hingegen inzwischen „sehr verbreitet“.

Amorth hatte in der Vergangenheit etwa die Missbrauchsfälle und die Zerstrittenheit in der Kirche auf den Teufel zurückgeführt.

Nach Angaben von Wikipedia bietet der Vatikan Exorzismuskurse an und „führte 2004 die erste internationale Exorzismuskonferenz in Mexiko durch. Während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz am 15. September 2005 wandte sich Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer des Nationalkongresses der italienischen Exorzisten und ermutigte sie dazu, ‚mit ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren'“.

Im März 2010 berichtete der Vatikan-Experte
Andreas Englisch (Markus Lanz: „Maschinengewehr Gottes“) in der Bild-Zeitung, „unter der Regentschaft von Papst Benedikt XVI. erleben Teufelsaustreiber wieder einen Aufschwung“: der Vatikan wolle dafür sorgen, dass jede der 3000 Diäzösen einen eigenen Teufelsaustreiber bekommt. An der päpstlichen Universität Regina Apostulorum sei eigens „ein Kurs zur Ausbildung von Priestern im Fach Exorzismus“ eingerichtet worden.

„Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“
hatte Benedikt in seiner Regensburger Rede gesagt. Christlicher Gottesdienst müsse immer im Einklang mit der Vernunft stehen:

„Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden. Das Ethos der Wissenschaftlichkeit (…) ist im übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört.

Für den Umgang der katholischen Kirche mit psychischen Erkrankungen, soweit sie das Erscheinungsbild einer „Teufelsbesessenheit“ annehmen, gelten „das Ethos der Wissenschaftlichkeit“ und der „Gehorsam gegenüber der Wahrheit“ jedenfalls nicht. Auch sind es nicht „die großen Möglichkeiten, die (die moderne Geistesentwicklung) dem Menschen erschlossen hat“, in diesem Fall auf dem Gebiet der Medizin, und die damit verbundenen „Fortschritte an Menschlichkeit“. die diesen schwer kranken Menschen seitens der katholischen Kirche nahegelegt werden. Stattdessen werden sie von Quacksalbern wie dem Pater Amorth auch heute noch völlig grotesken, aus dem Mittelalter stammenden magischen Prozeduren ausgesetzt, die Betroffene schon das Leben gekostet haben.

Dass die katholische Kirche an der Gottesphantasie festhalten muss, ist jedem klar, die ist schließlich ihre Geschäftsgrundlage. Dass sie aber manche psychische Erkrankungen heute noch als Besessenheit vom Teufel ansieht, einem weiteren Phantasiegebilde aus der vorwissenschaftlichen Zeit magischen Denkens, und mit abergläubischen Ritualen bekämpft, ist eine Religionspathologie (s.o.) allerersten Ranges und macht noch einmal das ganze gefährliche Ausmaß der anti-aufklärerischen Verdummungsstrategie des Vatikan deutlich.
Vielleicht ist es ja auch diese diabolische Personifizierung des Bösen, die bei den vielen Missbrauchs-Missetaten kirchlicher Amtsträger ihre Hand im Spiel hatte? Zum Exorzisten mit Ihnen?
Siehe auch:

Das Grass-Gedicht: Was zutrifft und was nicht (1)

Wie Stahl Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Die Herstellungskosten sind gering.
Man nehme: ein Achtel gerechten Zorn,
zwei Achtel alltäglichen Ärger
und fünf Achtel, damit sie vorschmeckt, ohnmächtige Wut.

Günter Grass: „Irgendwas machen“ (1967)
Auszug aus einem Spottgedicht von Grass
zu politischen Protestgedichten

Analyse des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass: 1. Abschnitt

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Diese zwei Sätze enthalten die folgenden sechs Aussagen:

  1. Israel behauptet, ein Recht auf einen Erstschlag gegen den Iran zu haben, weil der Bau einer iranischen Atombombe vermutet wird.
  2. Dieser Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. (Somit ist impliziert, dass Israel das Recht zu einem atomaren Erstschlag behauptet.)
  3. Die Behauptung Israels, ein Recht auf einen (atomaren) Erstschlag zu haben, ist offensichtlich; dieser wurde in Planspielen geübt.
  4. An deren Ende sind wir als Überlebende allenfalls Fußnoten.
  5. Das iranische Volk wird von einem Maulhelden unterjocht und zum organisierten Jubel gelenkt.
  6. Der Autor fragt sich, warum er zu all dem schweigt bzw. diese Sachverhalte zu lange verschwiegen hat.

Die erste Aussage ist nahezu täglich in der Presse zu lesen, wobei allerdings nicht vom Einsatz von Kernwaffen die Rede ist. Grass unterstellt Israel jedoch implizit, einen Erstschlag mit Atomwaffen zu planen, denn – wenn überhaupt – könnte das iranische Volk nur auf diese Weise ausgelöscht werden. Zudem ist der Begriff „Erstschlag“ ausschließlich im Zusammenhang mit dem Adjektiv „atomar“ gebräuchlich. Bei einem präventiven Angriff mit konventionellen Waffen würde man von einem Präventivschlag oder -krieg sprechen. Diese zweite Aussage, ein israelischer Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen, beruht allein auf einer Phantasie des Schriftstellers und hat keinerlei Realitätsgehalt. Die israelische Iran-Politik ist ausschließlich auf die Verhinderung bzw. Ausschaltung eines möglichen iranischen Atomwaffenpotentials gerichtet und nicht auf das Auslöschen der iranischen Bevölkerung. Diese Behauptung ist absurd. Selbst ein Erstschlag mit Atomwaffen würde sich gegen die iranischen Atomanlagen richten, und würde zwar zu grauenhaften Opferzahlen in der iranischen Bevölkerung führen, sie aber nicht auslöschen.

Was mag Grass bewogen haben, eine derart infame Unterstellung in seinen Text aufzunehmen? Vermutlich wollte er ein Gegengewicht schaffen zu den (angeblichen – s.u.) Drohungen aus dem iranischen Regime, Israel zu vernichten. Da die Grass’sche Behauptung jedoch jeder realen Grundlage entbehrt, ist sie in meinen Augen eine perfide Form von Desinformation und Agitation. Mit seiner Auslöschungsphantasie malt Grass den Teufel an die Wand, in der durchsichtigen Absicht, Israel als Feindbild aufzubauen und zu dämonisieren. Iranische Vernichtungsdrohungen gegen Israel erwähnt Grass in seinem gesamten Text übrigens nicht. (Vgl. hierzu jedoch die Debatte darüber, ob es derartige Drohungen überhaupt gibt – s. auch hier und hier, aber auch die betreffenden Äußerungen des religiösen Führers des Iran, Chamenei, zu Israel.)

Die vierte Aussage, wir (die Deutschen? die Europäer?) seien am Ende der Planspiele – diesen Bezug stellt der Text her – als Überlebende nur Fußnoten, passt zu der von Grass beabsichtigten Dramatisierung der Lage. Die israelische Auffassung, berechtigt zu sein, über eine militärische Zerstörung der iranischen Atomanlagen allein zu entscheiden, könnte uns indes tatsächlich zu Fußnoten degradieren – jedoch als Überlebende der durch einen israelischen Angriff ausgelösten kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht der Planspiele.

Dass das iranische Volk „von einem Maulhelden“ (Staatspräsident Ahmadinedschad) „unterjocht“ und „zum organisierten Jubel“ gelenkt wird, ist gleich in mehrfacher Hinsicht unzutreffend. Das iranische Volk wird von einem Regime geführt und unterdrückt, das sich komplexe Herrschaftsstrukturen geschaffen hat, und die Position des Staatspräsidenten (Regierungschefs) ist innerhalb der Führung beileibe nicht die mächtigste. Davon unabhängig ist es eine die tatsächliche Situation völlig verzerrende, irreführende Bagatellisierung, einen aggressiven Judenhasser, fanatischen Antizionisten und Holocaust-Leugner wie Ahmadinedschad auf einen „Maulhelden“ zu reduzieren. Auch diese schönfärberische Charakterisierung ist reinste Demagogie.

Fazit: dieser erste Abschnitt des Gedichts mit der Unterstellung, Israel könnte mit einem atomaren Erstschlag die Auslöschung des iranischen Volkes betreiben oder zumindest billigend in Kauf nehmen, und mit der gleichzeitigen Verharmlosung des Bedrohungspotentials der iranischen Seite ist eine groteske, boshafte Verfälschung der tatsächlichen Verhältnisse im Interesse anti-israelischer Agitation.

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Das Grass-Gedicht: Was wirklich gesagt wird

Die Debatte um das Grass-Gedicht ist vollkommen aus den Fugen geraten. Zahllose Kritiker, allen voran Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erheben Vorwürfe, die jedes vernünftige Maß übersteigen. Als Leser steht man oft unter dem Eindruck, es ist nicht der Grass-Text, der kommentiert wird, sondern die durch das Gedicht angeregte ausschweifende Phantasie des Kommentators. Wie Graumann lassen viele Kritiker ihrem Ärger und Zorn über das provokante Werk des Nobelpreisträgers freien Lauf, ohne zu realisieren, wie sie damit einer nachträglichen Rechtfertigung Grass’scher Aussagen nur in die Hände spielen.

Für nachdenkliche Zeitgenossen sind solcherart Kritiken, die ihre pauschale Verurteilung des Gedichts und seines Autors häufig noch mit der Keule des Antisemitismus-Vorwurfs anreichern, eine Zumutung. Der Grass-Text hat immerhin eine intensive öffentliche Debatte über die Politik Israels angestoßen. Nach einer Umfrage der Financial Times Deutschland, an der sich bisher ca. 22.000 Leser beteiligten (Stand: 26.04.2012), halten 57 % der Befragten die Israel-Thesen von Günter Grass für richtig, 27 % für diskutabel, 7 % für irrsinnig und nur jeweils 4 % für gefährlich oder antisemitisch. Während also eine breite Mehrheit von 84 % der Leser die Thesen tendenziell positiv bewertet, lehnen nur 16 % sie rundheraus ab. Bei den in großer Zahl veröffentlichten Kommentaren von Intellektuellen dürfte das Verhältnis umgekehrt sein.

Der Sache angemessen ist allein eine am realen Grass-Text mit seinen zahlreichen Thesen, Behauptungen und Argumenten und an den sonstigen Fakten orientierte differenzierte Interpretation und Beurteilung des Gedichts. Grundlage einer kritischen Analyse muss zunächst der Textgehalt sein – das, was in „Was gesagt werden muss“ tatsächlich gesagt wird. Um dem näher zu kommen und die mühsam verschachtelte (Prosa-) Gedichtform des Literaturnobelpreisträgers lesbarer zu machen, wird der Text hier in einem ersten Schritt zu einer erläuternden und bewertenden Kommentierung zunächst in Prosaform wiedergegeben.

Zuvor einige Worte zu meiner eigenen Beziehung und Einstellung zu Israel. Ich habe das Land zweimal für mehrere Wochen bereist; Anfang der 1970er Jahre war ich als junger Student 6 Wochen lang mitarbeitender Gast in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa und habe dort Apfelsinen gepflückt, Bananen gepflanzt, Hühner geimpft und im großen Speisesaal sowie in der Gemeinschaftsküche des Kibbuz Küchendienst geleistet. Als junger Deutscher war man dort ebenso willkommen wie die anderen Gäste aus aller Welt. An meine damaligen Erfahrungen denke ich ausgesprochen gern zurück. Ethnozentristisches Gedankengut ist mir in jeglicher Form zuwider.

Israels Rolle im Nahostkonflikt in den letzten ca. 15 Jahren sehe ich indessen ausgesprochen kritisch. Unter der Führung von Jiztchak Rabin und Jassir Arafat war es Anfang der 1990er Jahre zu einem echten Annäherungs- und Friedensprozess im Nahen Osten gekommen, mit dem ehrlichen Ziel einer friedlichen Koexistenz von Israelis und Palästinensern in jeweils einem eigenen Staat (vgl. Oslo-Friedensprozess). Seit der Ermordung Rabins im Jahr 1995 und der Wahl Benjamin Netanjahus zum israelischen Ministerpräsidenten im Jahr darauf ist dieser Prozess weitgehend zum Erliegen gekommen. Der Geist ehrlicher Friedfertigkeit wurde auf israelischer Seite durch die konfliktschürende Logik einer Politik der Unnachgiebigkeit und Härte ersetzt. Es fehlt an der Bereitschaft zu wesentlichen Zugeständnissen hinsichtlich der Gebietsaufteilung, und die dreiste Siedlungspolitik der Likud-orientierten Regierungen im Westjordanland ist eine einzige Katastrophe. Mit der palästinensischen Hamas-Bewegung verstrickte man sich in einen hochaggressiven „Auge um Auge, Zahn um Zahn – Konflikt“, der in Verbindung mit dem knallharten Auftreten der waffenstarrenden israelischen Sicherheitskräfte im Westjordanland bei den Palästinensern und in der ganzen arabischen Welt Hass auf Israel schürt.

Hier nun das Israel-Gedicht von Günter Grass in Prosaform.  Gedichttypische Satzbauformen wurden an einigen Stellen um der besseren Verständlichkeit willen einem Prosatext angepasst, ohne jedoch den propositionalen Aussagegehalt zu verändern. Den gesamten Text habe ich unter inhaltlichen Gesichtspunkten in 5 Abschnitte unterteilt, die in weiteren Blogbeiträgen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und auf dieser Grundlage kommentiert werden. Durch Anklicken der Nummer des jeweiligen Abschnitts gelangt man zu den zugehörigen Erläuterungen und Kommentaren.

Was gesagt werden muss

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

(2) Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar, aber – weil keiner Prüfung zugänglich – außer Kontrolle  ist? Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

(3) Jetzt aber sage ich, was gesagt werden muß, weil aus meinem Land – das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird – ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll (wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert), dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will.

(4) Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten. Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

(5) Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben, und letztlich auch uns, zu helfen.

Siehe auch:

Islamischer Think Tank kommentiert Toulouser Terrormorde

Ich hatte vor einem Jahr auf die in Großbritannien ansässige Quilliam Foundation hingewiesen, einen islamischen Think Tank, der gegen Extremismus und Islamismus gerichtet ist.

Quilliam is the world’s first counter-extremism think tank set up to address the unique challenges of citizenship, identity, and belonging in a globalised world. Quilliam stands for religious freedom, equality, human rights and democracy.

Hier die heutige Pressemitteilung der Quilliam Foundation zu den Terrormorden in Toulouse:

Allegedly Al-Qaeda’s First Successful ‚Homegrown‘ Attack in France
21 March 2012

„The shootings in France of young Jewish schoolchildren and French Muslim soldiers have caused much outrage and will focus attention on al-Qaeda’s strategy and influence in France in particular, and in Europe in general. 
 
We at Quilliam are concerned about the impact of these attacks on the social, political and cultural landscape in Europe, and on relations between different political and religious groups in society.

Ghaffar Hussain, Head of Outreach and Training at Quilliam, says:

‘These attacks have the potential to disrupt national cohesion and inter-faith relations in France at a time when anti-immigrant and anti-Muslim sentiment is growing in Europe. It is in al-Qaeda’s interest to harm community relations, but we expect politicians and Muslim leaders in France to show true leadership and help the country pull through this crisis’. 

Key Points:

–          France, despite having the largest Muslim population in Europe, has not traditionally been viewed as a hotbed of Jihadist recruitment and activity. Thus far France has escaped the levels of ‚homegrown‘ Islamist terrorism seen in the UK or Germany. This attack could alter that perception and focus the spotlight on Islamist extremist trends in French society.
 
–          The suspect, 24 year old Mohammad Merah, is claimed to have received training in Afghanistan; he was apparently arrested there and broke out of a Kandahar prison along with other Taliban fighters. This highlights the importance of the Afghanistan campaign and its impact on Europe. It also illustrates again the limitations of the military approach in ending the drawn out conflict in Afghanistan.

Although this may be the first successful ‚homegrown‘ terrorist attack in France linked to al-Qaeda, carried out by a French national born and raised in France, we must not forget that France has been targetted by terrorists many times on its home soil. The vigilance of the French security services has so far kept such major attacks at bay.
 
This incident is in line with the latest al-Qaeda tactics to encourage lone wolf attacks, much harder to detect and prevent. AQAP has been encouraging such tactics for a while, as did the now deceased Awlaki.

Noman Benotman, Senior Analyst Strategic Communications at Quilliam, says:

Al Qaeda has been designing its attacks to specifically affect electoral processes, and their timings are crucial. It is therefore of no surprise that this attack has been planned during a period of intense election campaigning in France.’
 
These shootings also serve to emphasise important social fault lines that are apparent in any given society. As the far-right terrorist Breivik attempted earlier, al-Qaeda has sought to destabilise these fault lines in Europe for their own gain. 
 
All governments, no matter how stable or peaceful, must consider their strategy for comprehensively addressing these fault lines in the long term. This needs to be addressed not just from a hard end counter-terrorism approach, but also by looking at citizenship, identity and integration issues related to Muslim and non-Muslim extremism, which is prevalent and rising throughout Europe.“

Krisenherd Iran: eine Recherche

Ganz offensichtlich spitzt sich der Konflikt zwischen Israel und den westlich orientierten Staaten einerseits und dem nach Atomwaffen strebenden Iran andererseits zu. Auslöser der gegenwärtigen Eskalation war der offizielle Lagebericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vom 08.11.2011 zur Frage, ob der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet, und wie weit er damit ggf. inzwischen vorangekommen ist. In dem Report werden zahlreiche Hinweise aufgeführt, nach denen Teheran zumindest bis 2010 versuchte, Nuklearwaffen zu entwickeln. Dies würde eine Verletzung des Vertrags zur Nichtverbreitung von Kernwaffen bedeuten. 10 Tage später verabschiedete der Board of Govorners der IAEA  eine Resolution, mit der die iranische Regierung aufgefordert wird, alle offenen Fragen zu seinem Atomprogramm „unverzüglich und vollständig“ aufzuklären.

Im März 2012 soll dem Board of Governors der IAEA erneut berichtet werden, wie weit man mit der Umsetzung dieser Resolution gekommen ist, ob der Iran also kooperiert und den erforderlichen Kontrollen durch IAEA-Inspekteure zustimmt oder nicht. Dies dürfte dann das nächste entscheidende Datum auf einem Weg sein, der im schlimmsten, aber nicht unrealistischen Fall zu einem sehr ernsthaften, den Weltfrieden bedrohenden Konflikt führen kann.

Da Israel jedoch nur noch ein Zeitfenster von etwa einem halben bis einem Jahr sieht, um zu verhindern, dass der Iran über Atomwaffen verfügt, begann Mitte November von dieser Seite ein gewaltiges Säbelrasseln. Wie schon bei früheren Gelegenheiten drohte Israel, die iranischen Atomanlagen – notfalls im Alleingang – mittels Bomben und Raketen zu zerstören, was einen Krieg im Nahen Osten mit unabsehbaren Folgen bedeuten würde. Selbstverständlich fürchtet der Westen dieses Szenario und verschärfte stattdessen seine Sanktionen gegen den Iran. Die Folge war die gewaltsame Erstürmung der britischen Botschaft in Teheran durch regierungstreue, besser regierungsgesteuerte iranische Demonstranten vor einigen Tagen. Daraufhin gab es einen engen Schulterschluss der EU-Staaten und anderer westlicher Staaten mit Großbritannien und abermals verschärfte Sanktionen.

Da ich die Lage im Iran bisher nur oberflächlich verfolgt habe, fragte ich mich, wie ich mich relativ rasch tiefergehend über den Konflikt informieren kann. Mir war daran gelegen, nicht nur journalistisch aufbereitete Presseartikel zu finden, z.B. via Google News oder auf den einschlägigen Themenseiten von Spiegel, Zeit etc., sondern auch Studien, Analysen und Kommentare von Experten.

In diesem Artikel las ich von einem Iran-Experten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP – finanziert vom Bundeskanzleramt), Walter Posch. Auf dessen Webseite fanden sich einige Artikel, die mir interessant und und auch aktuell genug schienen (s.u.). Auf der SWP-Webseite entdeckte ich zudem den Link zu IREON – einem Fachportal für Internationale Beziehungen und Länderkunde („Ihr zentraler Rechercheeinstieg für wissenschaftliche Literatur“) mit einer Suchfunktion in mehreren einschlägigen Datenbanken. Dort gab ich „Iran“ ein, Erscheinungsjahr „2011“ und aktivierte das Kästchen „Suche nur nach Volltexten“. Das Ergebnis waren 82 Treffer. Einige davon sind unten aufgeführt und verlinkt.

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Zur Psychostruktur des Anders Breivik (2) – Stellungnahmen

Zwischenzeitlich gibt es im Netz eine Vielzahl mehr oder weniger fachkundiger, aussagekräftiger Stellungnahmen zur Persönlichkeit von Anders Breivik bzw. zu seiner Persönlichkeitsstörung. Nachfolgend eine kleine Aufstellung mit Links zu einigen der gelungeneren Beiträge, soweit sie mir bekannt geworden sind, aber auch zu Beispielen von ganz und gar misslungenen Psychogrammen oder ähnlichen Stellungnahmen.

Herausragend:

Interessant und aufschlussreich:

  • „Psychogramm eines Massenmörders“
    •  Differenzierter Artikel von Caroline Fetscher über die Persönlichkeitsstruktur und Psychodynamik von Breivik, analysiert und interpretiert u.a. die ausführlichen Passagen in seinem Manifest, die sich mit seinem familiären Hintergrund befassen –Tagesspiegel, 25.07.2011
  • „Dieser Täter ist ein Ideenfanatiker“
    • Interview mit dem Kriminalpsychiatrie-Experten Dr. Reinhard Haller („Das ganz normale Böse“; „Die Seele des Verbrechers“) über die psychischen Hintergründe der Tat Breiviks – NZZ, 25.07.2011
  • „Ob jemand fanatisch wird, ist eine persönliche Angelegenheit“
    • Interview mit der Linzer Psychiaterin Dr. Adelheid Kastner über Attentäter wie Breivik – Der Standard, 25.07.2011
  • „Wir müssen verstehen, wie Breivik denkt“
    • Der norwegische Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung(80), Träger des Alternativen Nobelpreises,  fordert konkrete Konsequenzen aus dem Osloer Attentat  – Spiegel Online, 03.08.2011:
      • „Wir brauchen dringend eine Art Notfallteam, das sich um Menschen wie Breivik kümmert. Menschen, die ihre wahnsinnigen Ansichten im Internet ausbreiten und dort entwickeln. Breivik lebte und arbeitete in Norwegen, aber seine Seele breitete er im Internet aus. Da müssen wir ansetzen. Wir brauchen stärkere Internetkontrollen. Und wir müssen verstehen, wie Leute wie Breivik denken. Die norwegische Polizei, die Sicherheitsdienste haben versagt: Sie haben die Gefahr nicht ernst genommen. „
      • „Die Helfer müssen mit Menschen, die extremistisch denken, in Dialog treten, sie müssen sie im Gespräch herausfordern. Ich selbst habe viel mit Radikalen gearbeitet, mit Rassisten in den Südstaaten der USA, die ähnlich realitätsferne Gedanken hatten wie Breivik. Meine Freunde haben immer gesagt, das bringe doch nichts. Aber das stimmt nicht: Diese Leute wollen, dass man ihre Ideen in Frage stellt, sie lechzen danach, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden.“
  • „Anders Breivik – Ein typischer Attentäter“
    • „Ein Gespräch mit dem Germanisten und Philosophen Manfred Schneider, Autor des Buches „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ (s.u.), über den norwegischen Attentäter Anders Breivik, sein Weltbild und immer wiederkehrende Muster in der Geschichte des Attentats.“ – diesseits.de, 29.08.2011
      • „Vier wesentliche Züge machen den Attentäter (…) aus. Zum einen eine Unfähigkeit, die politischen Dinge in ihrer Kontingenz zu erkennen. Der zweite Zug ist das apokalyptische Bewusstsein. Damit ist eine Einstellung bezeichnet, wonach das vermeintliche Weltübel derart dramatisch ist, dass es die ganze Welt oder zumindest die eigene Kultur mit dem Untergang bedroht. Dieser Zug ist bei Anders Breivik ja sehr dominant. Drittens das Sendungsbewusstsein der Attentäter. Sie fühlen sich auserwählt und nehmen gewaltige Opfer in Kauf, gegebenenfalls bis hin zum eigenen Leben. Der vierte und entscheidende Zug, womöglich auch der stärkste pathologische Zug des typischen Attentäters, ist die ungeheure Gewissheit, die ihn auszeichnet. Er hat nicht die geringsten Zweifel, sondern bewegt sich in einer radikal geschlossenen Konzeption.“
      • „Das Verhalten von Attentätern ist keine Form des Wahnsinns im Sinne einer Verirrung oder Verwirrung des Verstandes. Ich nenne die Paranoia „Übervernunft“. Alle Phänomene werden hierbei nur nach rationalen Gesichtspunkten bewertet. (…) Alle Momente, die sonst noch unsere Beziehung zur Welt ausmachen, Empathie, Zweifel, Feedback, das was als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet wird, das fehlt irgendwie. Mit dem Begriff der „rasenden Vernunft“ (…) bezeichne (ich) eine Überfunktion der Vernunft, der Rationalität, bei der weitere wichtige Merkmale des Weltbezugs fehlen.“
      • „Für diese Täter ist der Mangel von väterlicher Autorität im Sinne von Macht und im Sinne einer kulturellen Sichtbarkeit der Vater- und Männerrolle ein qualvoller und pathologisierender Zug. Durch das ganze Manifest von Breivik zieht sich dieses Thema der Vaterlosigkeit. Er spricht selbst, ähnlich wie früher Mitscherlich, von der „vaterlosen Gesellschaft“. (…) Er erlebt das Fehlen des Vaters bzw. die Auflösung der patriarchalischen Struktur als persönliches Leiden.“

Enthält interessante Aspekte:

  • „Das Böse inmitten einer friedlichen Gesellschaft“
    • Kommentar von Dr. Eckhard Bieger SJ aus katholischer Sicht; interessant im wesentlichen wegen des Hinweises auf den Religionsphilosophen René Girard („Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“) – explizit.net, 26.07.2011
  • „Ideologie und Wahnsinn“
    • Markus C. Schulte von Drach erläutert einige der in den Medien kursierenden psychiatrischen Diagnosen (Psychopathie, Soziopathie, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung), auch anhand der Persönlichkeiten weiterer Attentäter – Süddeutsche, 27.07.2011
  • „Dahinter steckt Männlichkeitsideologie“ – taz-Interview mit Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein– 27.07.2011
    • „An Anders Behring Breivik ist nichts typisch Norwegisches. Er sieht sich als heroischen Einzelnen, der die Welt retten wollte. Davon ist die Skandinavien-Expertin Stefanie von Schnurbein überzeugt.“
  • „General Sprung in der Schüssel: Ein Massenmörder mit Messias-Komplex“
    • Gérard Bökenkamp schreibt über „pathologische Egomanie als Triebfeder extremistischer Gewalt“ und die „politische Sphäre“ als Ort, an dem pathologische Geltungssucht und Größenwahn sich mit einer Ideologie aufladen und in  „Missionen“ münden können, die einen Weg aus der persönlichen Bedeutungslosigkeit in die Unsterblichkeit verheißen, auch wenn (besser: weil) sie über Leichen gehen. – Nach einem etwas holprigen Beginn erreicht der Beitrag Dichte und Tiefgang, auch durch Bezüge zu Alfred Adler, Elias Canetti („Masse und Macht“) und Shakespeares Richard III. – eigentümlich frei, 27.07.2011
  • „Teufels-Killer unterzog sich Schönheits-OP“
    • Ausnahmsweise mal die Bild-Zeitung (28.07.2011): sie berichtet über Breiviks Manipulationen seiner äußeren Erscheinung, um männlicher zu wirken (operative Korrekturen von Nase, Kinn und Stirn in den USA; anabole Steroide; Uniformen) als Symptom seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung, unterlegt mit treffenden Kommentaren des norwegischen Psychologieprofessors Svenn Torgersen:
      • „Eitelkeit ist ganz typisch für jemanden mit starken narzisstischen Tendenzen. Ein wichtiger Aspekt ist die totale Ichbezogenheit. Vieles dreht sich um das Selbst, das Aussehen kann unheimlich viel bedeuten. (…) Solche Menschen fühlen sich einzigartig, hochwertig und anders – als jemand, der über allen anderen steht. (…) Menschen mit einer solchen Störung glauben das Recht zu haben, Dinge zu tun, die andere nicht dürfen.
  • „Breivik ist hochgradig abnorm“
    • Interview mit dem Psychiater und Neurologen Reinhard Haller, Experte für Kriminalpsychiatrie („Die Seele des Verbrechers“) – Kölner Stadt-Anzeiger, 28.07.2011
  • „Vampirische Ruhmsucht“
    • Der Münchener Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer („Psychologie des Terrors“) ergänzt seinen Hinweis auf das Bedürfnis von Attentätern, Ruhm zu erlangen, durch den Aspekt eines „Vampirischen Begehrens“ (etwas befremdlich und schwer nachvollziehbar) – Neues Deutschland, 27.08.2011
  • „Ist Anders Breivik böse?“
    • Interview mit dem Hirnforscher Prof. Gerhard Roth (Bremen) über den Begriff des Bösen, über Befunde der Hirnforschung zu Psychopathen und Konsequenzen für das Strafrecht, und über Anders Breivik – diesseits.de (Online-Magazin für weltlichen Humanismus), 01.09.2011

Literatur zum Thema:

Ziemlich daneben:

  • „Eine Diagnose ergibt wenig Sinn“
    • Erkenntnisverbot des emeritierten Regensburger Psychiatrie-Professors Helmfried Klein: „Jeder Versuch, das Massenattentat von Norwegen auf psychopathologische Art zu interpretieren, ist mir zutiefst zuwider.“ Dafür gebe es auch keine passende Diagnose. (…) Nur wer leide, sei krank. Den psychiatrischen Krankheitsbegriff auf Verhalten auszuweiten, das nur anderen unendliches Leid zufügt, aber eigenes Leid nicht erkennbar ist, sei abwegig. Innerhalb der forensischen Psychiatrie werde sehr kontrovers diskutiert ob Persönlichkeitsstörungen unter psychiatrische Krankheiten zu subsummieren sind. – (Mittelbayerische Zeitung, 24.07.2011)
  • „Lasst das Fragen sein“
    • „Jedes Warum ist hier ein Warum zuviel“; „Wir wollen begreifen, was sich nicht greifen lässt“; „Das Böse war und ist und wird sein“ – das sind die Kernsätze eines Beitrags von Dr. Alexander Kissler, Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist (Cicero, Süddeutsche, Focus), für das Internet-Magazin „The European“(26.07.2011)
      • Außerdem: „Allein, kein einziger Satz wird die Antwort enthalten auf das große Warum. Kein Experte wird je sagen können, aufgrund welcher familiären oder neuronalen oder weltanschaulichen Besonderheit der blonde Einzelgänger die bestialische Tat letztlich ins Werk setzte. Nicht nur Kausalketten nämlich machen unser Leben aus, sondern auch Sprünge. Nicht nur Gründe, auch Abgründe führen zu Taten. Und jenseits aller kleinteiligen Erklärungsmuster gibt es immer auch das große Ganze, das ewig Gute und das unrettbar Böse.“ Eine Erkenntnisverweigerung – von einem, der Sprachspielereien liebt, wie sein Beitrag erkennen lässt. Sprachspieler tun sich mit analytischem Denken, Forschen und Entdecken auf der Grundlage sorgfältiger wissenschaftlicher Begriffsbildung zumeist eher schwer.
  • „Das war pure Mordlust“
    • Focus führte ein Interview mit der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi (Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement), in dem diese die Tat auf „pure Mordlust“ zurückführt. Die Ideologie bzw. „extremistische Erklärungswelt“ des Täters dienten nur der Legitimation „nach außen“. Wahrscheinlich werde er „auch einer Störung unterliegen. Psychotisch sein, wahnkrank, eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung haben.“ Man könne „das nicht unter einem bestimmten Krankheitsbild zusammenfassen. Seine Kaltblütigkeit (sei) in jedem Fall mit fehlendem Mitgefühl zu erklären – bei ihm (habe) ein Empathieabbau stattgefunden, usw. — Soziale Angst hat man aufgrund fehlender Selbstsicherheit, wegen des Abbaus von Selbstwertgefühl… : „Erklären nullter Ordnung“ nannten wir das im Marburger Psychologiestudium – durch Vergabe einer Bezeichnung.

Mentalität und Ideologie eines rechtsextremen Massenmörders

Anders Behring Breivik, der Massenmörder von Oslo, stellt seine Taten in den Zusammenhang einer rechtsextremen Ideologie, die er in einem 1.516 Seiten umfassenden Manifest und – in Kurzfassung –  in einem Video dargestellt hat.

Es handelt sich dabei um islamophobes Gedankengut, wie es u.a. von dem holländischen Rechtsextremisten Geert Wilders vertreten wird: Das Abendland soll vor einem „kulturellen Marxismus“ gerettet werden, der u.a. auf die 68er-Generation zurückgeht, und der dem allen rechtsextremen Psychopathen verhassten Grundübel, einer multikulturellen Gesellschaft, den Weg bereitet (Multikulturalismus).

Wie entsteht eine „rechtsextreme Mentalität“?

Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen auf der Basis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Den eigentlichen Hintergrund bildet ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von  psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen auf der Grundlage von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten lediglich Rationalisierungen.

Vor längerer Zeit habe ich dem Wikipedia-Artikel über Skinheads einen Passus  „Sozialwissenschaftlicher Hintergrund“ hinzugefügt ( Wikipedia-Benutzer „Almeida“), der wesentliche Punkte des psychodynamischen und psychopathologischen Hintergrundes rechtsextremer Fanatiker aller Couleur wiedergibt:

„Soziologische und psychologische Deutungen wesentlicher Teile der Skinhead-Bewegung (insbesondere der Neonazis) knüpfen zum einen an den Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ bzw. zur „autoritären Persönlichkeit“ an, die in den 1930er-Jahren vom Institut für Sozialforschung (Fromm, Horkheimer, Adorno u. a.) begonnen wurden, zum anderen an neueren sozialpsychologischen und psychoanalytischen Konzepten zu Gruppenidentitäten (u. a. Vamik Volkan).

Resultat dieser Forschungen sind unter anderem die Erkenntnisse, dass bei derartig strukturierten Persönlichkeiten eine besondere Tendenz vorhanden ist,

  • ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl wesentlich durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu festigen (Eigengruppe), mit der sie sich identifizieren (Rasse, Volk, Nation, Religion, Subkultur, Sekte, „Gang“ etc.)
  • diese Eigengruppe besonders hoch zu bewerten und von fremden Gruppen abzugrenzen (Fremdgruppe), die nicht nur als „andersartig“, sondern als feindlich oder minderwertig erlebt werden (s. auch Othering)
  • die Eigengruppe vor einer „Vermischung“ mit der Fremdgruppe zu schützen (z.B. „Rassenreinheit“), da eine solche Vermischung als Verunreinigung erlebt wird (bezieht sich auch auf die Verunreinigung der eigenen Kultur).

Diese handlungsleitenden Bewertungen beruhen nicht auf Tatsachen, sondern auf Vorurteilen. Sie erfolgen nicht aus rationalen, sondern aus tief verwurzelten psychischen Motiven und dienen der Stärkung des Selbstgefühls sowie der Emotionsregulation. Dabei kommt der Projektion eigener – auch latenter – Schwächen auf die fremde Gruppe als Mittel zur Bewältigung negativer Gefühlszustände und innerer Konflikte besondere Bedeutung zu (s. Abwehrmechanismus). Negativ bewertete Eigenschaften der eigenen Person werden – unterstützt durch die Zugehörigkeit zur idealisierten Eigengruppe – nicht wahrgenommen und anerkannt, sondern auf die „Anderen“ projiziert und dort bekämpft (s. Feindbild). Dies ist eine der Wurzeln rassistischer Abgrenzungsneigung und Aggression. Zudem verlieren die Gruppenmitglieder – vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrer Eigengruppe auftreten – ihr Einfühlungsvermögen (Empathie) und Mitgefühl den entwerteten „Anderen“ bzw. „Fremden“ gegenüber. Daher kann es unter den beschriebenen psychosozialen Bedingungen zu Akten besonderer Brutalität und Grausamkeit kommen.“

Worin unterscheiden sich psychopathische von nicht-psychopathischen Multikulturalismus- und Islamkritikern? Durch die realitätsverzerrende Dämonisierung bei der mentalen Gestaltung des jeweiligen Feindbildes (Juden, Mohammedaner, Farbige etc.), durch paranoide Persönlichkeitsanteile und in Verbindung damit exzessive Projektion von Aggression auf die betreffende Gruppe, die dadurch als besonders gefährlich erscheint. Außerdem durch Fanatismus bei der Bekämpfung der als Feindbild gewählten Gruppe und den Verlust von Empathie und Mitgefühl den Angehörigen dieser Gruppe gegenüber.

Siehe auch:

Islamischer Think Tank gegen den Islamismus: die Quilliam Foundation

Eine ausgesprochen interessante Organisation im Zusammenhang mit der Islamischen Welt und dem Problemfeld Islamismus ist die in Großbritannien ansässige Quilliam Foundation.

Da ich seinerzeit den Wikipedia-Artikel über die Quilliam Foundation angelegt und geschrieben habe (vgl. Versionshinweise – Benutzer:Almeida), erlaube ich mir, wesentliche Teile daraus hierher zu kopieren. (Hervorhebungen nur hier.)

„Die Quilliam Foundation wurde im April 2008 in London von Aussteigern aus der islamistischen Szene gegründet und versteht sich als anti-islamistischer Think Tank. Unter der Leitung der beiden Direktoren Maajid Nawaz und Ed Husain (Autor des Buchs The Islamist) organisiert die Foundation Forschungsprojekte, öffentliche Veranstaltungen und Medienkampagnen. Sie wird von zahlreichen muslimischen und nicht-muslimischen Intellektuellen und Prominenten unterstützt. Benannt ist sie nach Scheich William Henry Abdullah Quilliam (1856-1932), einem zum Islam konvertierten Briten, der die erste Moschee Großbritanniens in Liverpool errichtete.

Die Quilliam Foundation will „kreative Denkansätze generieren, um der hinter dem Terrorismus stehenden islamistischen Ideologie zu begegnen, und gleichzeitig evidenzbasierte Empfehlungen hinsichtlich politischer Maßnahmen an Regierungen richten.“ Sie weist die Ideologien des Islamismus und Dschihadismus zurück „als von der islamischen Tradition abweichende und somit irrelevante (…) Lesarten des Islam. (Sie) hält den Islam als pluralistische, facettenreiche Tradition aufrecht, die die Pathologie des islamischen Extremismus heilen kann.“

Im einzelnen strebt die Quilliam Foundation an

  • die Schwächen und Widersprüche islamistischen Denkens und Handelns herauszustellen und zu kritisieren
  • eine in den heiligen Schriften des Islam wurzelnde theologische und ideologische Alternative zum Islamismus aufzuzeigen
  • öffentlich zu den Gründen für den Austritt ehemaliger Islamisten aus ihren Bewegungen Stellung zu nehmen
  • gegenwärtige Islamisten zu ermutigen, ihre Bindung an ihre Bewegungen aufzugeben und sich dem Mainstream-Islam anzuschließen.[3]

Die Quilliam Foundation setzt sich für die volle Integration von Muslimen als Bürger – nicht als Glaubensgemeinschaft – in die westlichen Gesellschaften ein.“

Weblinks

Zur Frage einer UN-Intervention in Libyen hat die Quilliam Foundation am 14. März 2011 ein Memorandum in Form eines 7-Punkte-Plans mit verschiedenen Empfehlungen veröffentlicht.

Außerdem:

Der Anschlag vom 11. September – ein Kunstwerk?

Wenn Sie mal lesen wollen, welcher Blödsinn in der Blogosphäre manchmal geschrieben wird, schauen Sie sich den heutigen Artikel des „Transatlantikblogs“ zum 11. September an. (Bei den von Topblogs gelisteten 214 Politikblogs steht der Transatlantikblog derzeit immerhin an 17. Stelle.)

Dort versteigt man sich ernsthaft zu der These, die Terroranschläge von 9/11 sollten als „Kunstwerk“ betrachtet werden. Ein Interview des Komponisten Stockhausen wird zitiert, in dem dieser den Anschlag als „das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat“ bezeichnete.

Der Blogautor erläutert das näher. Bei dem Angriff habe es sich nicht um den Vollzug des Willens Allahs gehandelt, sondern um Menschenwerk: „Die Realisierung einer, wie Stockhausen sagte, monströsen Phantasie. Und damit Kunst. Eine umgesetzte Todesphantasie. Mörderische Kunst.“

Die Realisierung monströser Phantasien, die das Töten von Menschen zum Inhalt haben: Kunst? Hitlers Rassenwahn und dessen Realisierung im Holocaust – Kunst? Auschwitz – ein Happening?

Über Shakespeare („Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frau’n und Männer, bloße Spieler.“) kommt der Verfasser zu Nietzsche:

„Und ganz in dieselbe Richtung geht der weise Satz Friedrich Nietzsches, die Welt liesse sich ausschließlich als “ästhetisches Phänomen” rechtfertigen. Das bedeutet, es gibt keinen tieferen Sinn in der Welt als den, den die potentiell mit großen Gaben ausgestatteten Menschen schöpferisch (und zerstörerisch) hineinzulegen imstande sind.

Da es einen “übergeordneten Sinn” nicht gibt und es damit einer allgemeingültigen Rechtfertigung fehlt, bleibt lediglich die Perspektive des Menschen-Spektakels.“

Einen „übergeordneten“ (von Gott der Welt mitgegebenen) Sinn mag es tatsächlich nicht geben, nachdem Nietzsche überzeugend den Tod Gottes festgestellt hat. Aber deshalb fehlt es uns keineswegs an „allgemeingültigen Rechtfertigungen“. Die Menschen selbst formulieren sie, in Form von Gesetzen, die sie für verbindlich erklären und so ihr Zusammenleben regeln – ein zentraler Bestandteil des menschlichen Sinngebungsprozesses. Das Tötungsverbot ist da grundlegend – wir wollen schließlich leben. Das hätte Nietzsche gewiss nicht anders gesehen, und Shakespeare schon gar nicht. Bei letzterem ist dem Verfasser der Sinn für das Metaphorische abhanden gekommen. Aus den Augen verloren hat er aber vor allem die Unterscheidung von Kunst – dem Spielerischen – und dem realen, profanen Alltagsleben. Dieses indessen ist manchmal durchaus eine Veranstaltung auf Leben und Tod.